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6 Gründe, warum Vergleiche mit anderen in der Hundeerziehung wenig sinnvoll sind

Letzte Woche hatte ich ein Coaching mit einer Kundin und ihrer sehr selbstständigen Mischlingshündin. Am Ende der Stunde meinte die Halterin zu mir: "Das ist echt so cool, dass du Toni (meinen Hund) ohne alles laufen lassen kannst!" Was sie damit meinte, ist, dass Toni oft frei, ohne Halsband, Geschirr oder Leine läuft. Sie ergänzte: "Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob ich sie jemals im Wald freilaufen lassen kann." Bei diesem Satz wirkte sie sehr geknickt und mir fiel mal wieder auf, wie sehr wir Menschen dazu neigen uns mit anderen zu vergleichen und wie schlecht wir uns dabei aber fühlen.


Was ich der Halterin in diesem Moment erklärt habe, möchte ich gerne in diesem Beitrag mit dir teilen, weil es so ein entscheidender Punkt im Alltag mit deinem Hund ist.



Ich habe Toni und mich früher selbst sehr viel mit anderen Mensch-Hund Teams verglichen und bin da sicherlich auch immer noch nicht komplett "geheilt" davon. Zumindest aber mache ich es mittlerweile sehr, sehr wenig und bin mir auch direkt darüber bewusst, wenn ich es tue und kann es dann auch einfach abstellen.


Warum du dich (und deinen Hund) weniger mit anderen vergleichen solltest...

  1. Es löst negative Gedanken in dir aus, die dich ggf. demotivieren, frustrieren oder traurig machen. Diese Gefühle können zwar in manchen Situationen auch Motivatoren sein. In den allermeisten Fällen führen sie aber dazu, dass du dich unglücklich fühlst und euer Fortschritt dadurch ausgebremst wird.

  2. Meistens kennst du lediglich Momentaufnahmen des anderen Mensch-Hund Teams. So kann es z.B. sein, dass du einen Hund im Restaurant siehst, der total entspannt neben dem Tisch liegt. Dein Hund kann das vielleicht (noch) nicht, liegt jetzt aber während du beim Essen bist total entspannt zuhause auf dem Sofa. Woher willst du wissen, ob der Hund im Restaurant vielleicht nur dabei ist, weil er nicht alleine bleiben kann? Vielleicht wären seine Halter:innen froh mal ohne ihn ins Restaurant gehen zu können.

  3. Du wirst nur sehr selten einen Hund in einer Situation sehen, die ihm sehr schwerfällt. Einen Hund, der unverträglich mit Artgenossen ist, wirst du wahrscheinlich selten bis nie auf der Hundewiese sehen. Einen Hund, der umweltunsicher ist, wirst du wahrscheinlich selten bis nie am Wochenmarkt oder in der Innenstadt vorfinden. Und einen Hund, der Probleme mit Menschen hat, wirst du wahrscheinlich selten bis nie auf der nächsten Geburtstagsfeier antreffen. Du siehst also meistens nur Hunde, die sich mit den Situationen, in der du dich gerade befindest relativ gut arrangieren. Die anderen vielen Hunde, die vielleicht ein ähnliches Problem haben wie dein Hund siehst du gar nicht und kannst dich dementsprechend auch nicht vergleichen.

  4. Jeder Hund hat eine andere Geschichte, jeder Hund hat andere Erfahrungen in seinem Leben gemacht. Wenn ein Hund negative, wenige oder gar keine Erfahrungen mit bestimmten Lebewesen oder Dingen gemacht hat, hat das einen Einfluss darauf, wie er mit diesen im Alltag umgeht. Einen Hund, der vielleicht schlechte Erfahrungen mit Kindern gemacht hat mit einem Hund zu vergleichen, der von klein auf Kinder als etwas Positives kennenlernen durfte, hinkt also ganz schön.

  5. Der individuelle Charakter des Hundes spielt eine große Rolle dabei, wie er sich in bestimmten Situationen verhält. So wie bei uns Menschen auch gibt es mutigere, zurückhaltendere, draufgängerischere, ängstlichere, ruhigere, aufgedrehtere...Charaktere und jeder Hund hat andere Talente, Fähigkeiten, Stärken und Schwächen. Wie langweilig wäre eine Welt in der alle alles gleich gut könnten?

  6. Die Genetik hat einen starken Einfluss auf das Verhalten des Hundes. Genetik lässt sich meistens in kontrollierte Bahnen lenken, aber Genetik lässt sich eben nicht wegtrainieren. Viele Rassen sind hochspezialisiert und in bestimmten Bereichen sehr stark. In der heutigen Zeit sind diese Stärken oft nicht mehr erwünscht und können zu Herausforderungen im Alltag führen. Ein Hütehund, der stark auf Bewegungsreize reagiert und diesen hinterhergehen möchte, ist nicht vergleichbar mit einem Molosser, der recht gemütlich unterwegs ist und dem der vorbeirennende Jogger einfach egal ist.

Zu meinem Beispiel von oben: Die Kundin hat nur gesehen, dass Toni oft frei läuft (Punkt 2: Momentaufnahme), aber nicht welche Situationen im Alltag vielleicht für Toni schwierig sind. Ihre Hündin z.B. findet alle Menschen toll und wird gerne gestreichelt. Toni möchte keinen direkten Kontakt zu fremden Menschen. Um Toni und mir Stress zu ersparen, würde ich ihn also nur im Notfall irgendwohin mitnehmen, wo er mit vielen Fremden auf engem Raum sein muss (Punkt 3: schwierige Situation). Toni kommt aus dem Auslandstierschutz und hat in seinen ersten Monaten, die er auf der Straße verbracht hat nicht viel kennengelernt. Die Hündin meiner Kundin ist im Tierheim geboren und hat die ersten Monate in einer Pflegefamilie verbracht. Mit Toni trainiere ich außerdem seit 7 Jahren. Natürlich hat Toni da einen anderen Trainingsstand als die 1,5-jährige Hündin meiner Kundin (Punkt 4: andere Geschichte). Die Hündin aus dem Beispiel ist eine sehr selbstständige Hündin mit einer ordentlichen Portion Jagdhundanteil. Toni hingegen ist ein Terrier-Hütehund-Mix. In puncto Orientierung kommt mir hier auf jeden Fall der Hütehundanteil sehr entgegen und dass Toni generell großen Spaß daran hat mit mir zusammenzuarbeiten (Punkt 5 und 6: Charakter und Genetik).


Fazit: Das Besipiel verdeutlicht nochmal schön, wie oft Vergleiche mit anderen hinken. Jeder Hund ist anders. Jedes Mensch-Hund Team ist anders. Es bringt dich und deinen Vierbeiner also im Hundetraining keinen Schritt weiter euch mit anderen zu vergleichen.


5 Tipps, wie du dich (und deinen Hund) weniger mit anderen vergleichen wirst...

  1. Sei dir bewusst darüber, wenn du dich vergleichst: Im ersten Schritt ist es wichtig, dass du erkennst du dich und deinen Hund mit einem anderen Mensch-Hund Team vergleichst. Denn nur, wenn du wahrnimmst, dass du gerade vergleichende Gedanken hast, kannst du diese unterbrechen.

  2. Überlege dir, ob du etwas Positives aus diesem Vergleich ziehen kannst: Wenn du den Gedanken dann unterbrochen hast, solltest du für dich beurteilen, was der Gedanke in dir auslöst. Motiviert er dich etwas zu verändern? Inspiriert er dich einen neuen Ansatz zu verfolgen? Gibt er dir ein gutes Gefühl, weil du siehst was möglich sein kann? Wenn der Vergleich allerdings negative Gefühle in dir auslöst, solltest du versuchen ihn wegzuschieben. Es macht keinen Sinn an einem Gedanken festzuhalten, der dir keinen Vorteil bringt.

  3. Akzeptiere, dass andere in gewissen Punkten besser sind: ...aber halte dir auch vor Augen, was du und dein Hund richtig gut könnt. Dein Hund pöbelt vielleicht an der Leine, dafür ist er der entspannteste Hund in der Stadt, ist unerschrocken und lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen? Es fällt deinem Hund unheimlich schwer sich im Wald zurückzunehmen und nicht jagen zu gehen, aber er begleitet dich jeden Tag ohne Probleme mit ins Büro? Jeder Hund und jeder Mensch hat Stärken und Schwächen. Wichtig ist, sich nicht immer nur die Schwächen vor Augen zu halten, sondern eben auch die Stärken, Erfolgsmomente und schönen Erlebnisse.

  4. Du musst nicht perfekt sein: ...genauso wenig wie dein Hund. Es ist vollkommen ok, als Mensch und als Hund, in manchen Dingen nur mittelmäßig zu sein, Fehler zu machen, Misserfolge zu verzeichnen oder eben zu lernen und nach und nach besser zu werden. Weder wir Menschen, noch unsere Hunde sind Roboter. In meinen Coachings stelle ich immer wieder fest, dass der/die härteste Kritiker/in meistens der/die Halter/in selbst ist. Nimm etwas Druck raus. Jedes Mensch-Hund Team hat seine ganz individuellen Herausforderungen.

  5. Vergleiche dich bestenfalls nur mit dir selbst: Es gibt auch sehr sinnvolle Vergleiche, und zwar Vergleiche mit dir selbst und deinem Hund in der Vergangenheit. Wie gut hat Thema XY letzten Monat, letztes Jahr oder am Anfang geklappt? Wie weit seid ihr bereits gekommen? Was habt ihr euch gemeinsam erarbeitet? Sei stolz auf eure Erfolge und eure Meilensteine. Das ist euer Weg, den ihr in eurem ganz eigenen Tempo geht.



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