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Kastration - ein Erfahrungsbericht

Im Folgenden erzähle ich dir, warum ich mich bei MEINEM Hund Toni gegen eine Kastration entschieden habe. Für deinen Hund, dich und eure Lebensumstände kann etwas ganz anderes gelten. Dieser Beitrag ist also NICHT als Handlungsempfehlung zu verstehen, sondern als persönlicher Erfahrungsbericht.


Hund liegt im Gras und schaut in die Kamera

Aggression ist nicht gleich Aggression


Schon bevor Toni in die Pubertät kam, zeigte er Aggressionsverhalten. Diese Verhalten - wer hätte es gedacht - wurde in der Pubertät eher schlechter als besser. Relativ schnell ploppten da also die Gedanken und Empfehlungen rund um eine Kastration auf. Anfangs wehrte ich mich dagegen, mehr aus einem Bauchgefühl heraus, als aufgrund von fachlichem Wissen und auch einfach aus dem Grund, dass ich Kastrationen ohne medizinische Indikation nicht befürworte. Eine Kastration ohne medizinische Indikation ist laut Tierschutzgesetz (§ 6 TierSchG) verboten, denn sie gilt als Amputation von Körperteilen. Wer also einen Hund ohne medizi­nische Indikation kastrieren lässt, verstößt gegen das Tierschutz­gesetz und macht sich letztlich strafbar. Immer noch stellt unerwünschtes Verhalten aber den häufigsten Grund für eine Kastration dar (74%).


Als Toni knapp 2 Jahre alt war wurde uns dann von unserem damaligen Hundetrainer und auch unserer Hundesitterin dazu geraten Toni zu kastrieren. Allerdings ist Aggression eben nicht gleich Aggression und bei den meisten Formen des Aggressionsverhaltens wird eine Kastration keine Wirkung zeigen oder das Verhalten im schlechtesten Falle sogar noch verschlimmern.


Toni reagierte in verschiedenen Situationen aggressiv, hauptsächlich aus Unsicherheit, territorialen und sozial motivierten Beweggründen. Zumindest die soziale Motivation und die Unsicherheit haben allerdings wenig bis gar nichts mit Verhalten zu tun, welches durch Sexualhormone gesteuert wird, also auch dem Verhalten, worauf eine Kastration Einfluss nehmen könnte. Das allerdings wusste ich so damals noch nicht und wir verließen und auf die professionelle Einschätzung des Trainers und der Sitterin.


Die chemische Kastration


Wir entschieden uns Toni vorerst einen chemischen Kastrationschip von unserer Tierärztin setzen zu lassen, da diese Form der Kastration reversibel ist. Der Hormonchip hemmt die Bildung der Sexualhormone und simuliert dadurch eine operative Kastration. Ich empfehle jedem, der ernsthaft über die Kastration seines Rüden nachdenkt, den Hund zuerst chemisch zu kastrieren, um eine Eindruck davon zu bekommen, wie sich der kastrierte Hund verhält.


Die Wirkung des Chips hielt bei uns ca. 9-10 Monate. In dieser Zeit veränderte sich Toni. Allerdings nicht unbedingt in die erwünschte Richtung, sondern in eine Richtung, die mir überhaupt nicht gefiel.


Toni war bereits vor der Kastration ein situativ unsicherer Hund. Allerdings nahmen die Unsicherheiten nach der Kastration zu. Er wurde viel nervöser und wirkte im Alltag allgemein gestresster. Mit Hunden war Toni vor der Kastration eigentlich immer recht sicher (außer das Sexualverhalten funkte dazwischen). Durch die Kastration änderte sich aber auch das. Er wurde extrem unsicher in Hundebegegnungen, wurde oft durch andere unkastrierte Rüden bedrängt und konnte das Ganze für sich überhaupt nicht einordnen. Der Grund hierfür war m.E. das fehlende Testosteron. Testosteron sorgt für ein gewisses Selbstbewusstsein und ist ein Gegenspieler zum Stresshormon Cortisol. Durch die Wegnahme des Testosterons wurde Toni also noch unsicherer und gestresster und zeigte deshalb auch vermehrt unsicher-aggressives Verhalten. Wir entschieden uns also vorerst gegen eine operative Kastration und auch gegen das Einsetzen eines Folgechips.


Hypersexualität


Bis zum Beginn meiner Selbstständigkeit, lief Toni 1x die Woche bei einem Gassi-Service mit. Mittlerweile hatten wir einen neuen Sitter gefunden als zu Beginn der Geschichte, welchen ich auch für sehr kompetent hielt. Dieser berichtete mir nach ein paar Monaten davon, dass Toni in Anwesenheit von Hündinnen und Kastraten extremen Stress hatte und hypersexuelles Verhalten zeigte. Auf den Videos, die ich geschickt bekam, sah man, dass Toni kaum noch ansprechbar war, fiepte, zitterte, speichelte und mit den Zähnen klapperte (Verarbeitung olfaktorischer Reize). Dieses Verhalten konnte auch ich immer mal wieder bei Toni im Alltag beobachten. Allerdings viel weniger, da wir natürlich nicht immer in einer Hundegruppe unterwegs waren und das hypersexuelle Verhalten damit nur situativ auftrat. Zeitweise fraß Toni auch sehr schlecht, wenn (läufige) Hündinnen unterwegs waren, er geriet auch immer mal wieder mit gleichgeschlechtlichen unkastrierten Artgenossen aneinander und produzierte sehr viel Smegma. Auch hier stand also wieder, aufgrund des Stress, dem Toni immer wieder ausgesetzt war, eine Kastration im Raum.


Allerdings war das Verhalten für mich im Alltag recht gut handle- und managebar und gehört für mich bis zu einem gewissen Grad auch einfach zum Normalverhalten eines unkastrierten Rüden. Da ich außerdem wusste, wie sich eine Kastration auf das Verhalten und den Stresspegel von Toni auswirkte und ich mir in der Zwischenzeit einiges an Wissen zum Thema Kastration angeeignet hatte, entschieden wir uns also final gegen eine Kastration.


Toni's Verhalten heute


Wie zeigt sich Toni heute? Er ist mittlerweile ein recht umweltsicherer Hund geworden und es ist die absolute Ausnahme, dass er unsicher-aggressiv reagiert. Läufige Hündinnen oder sich länger in einer Hundegruppe (wie z.B. in Gruppenstunden) mit Hündinnen und Kastraten aufzuhalten bedeutet für ihn manchmal immer noch Stress, allerdings sehr viel weniger als noch vor ein paar Jahren. Im Einzelkontakt mit Hunden zeigt er kaum noch übersteigertes Sexualverhalten. Er ist für mich in den allermeisten Situationen mit anderen Hunden gut ansprech- und abbrechbar und ich weiß wie ich ihn dabei unterstützen kann sich zu regulieren, wenn er sich von alleine schwer damit tut. Auch heute frisst er zweitweise schlecht, markiert viel (solange ich das erlaube), klappert mit den Zähnen und findet manche unkastrierte Rüden absolut überflüssig, aber er hat eben gelernt sich an gewisse Regeln zu halten und Grenzen zu akzeptieren.


Ich habe mir viel Zeit für die Entscheidung gegen eine Kastration genommen und bin froh damals nicht vorschnell einer operativen Kastration zugestimmt zu haben. Es handelt sich hierbei einfach um ein wirklich komplexes und sehr individuelles Thema, bei dem es keine pauschal richtige oder falsche Entscheidung gibt. In meinen Augen ist das einzig Falsche, sich nicht zu informieren bzw. vorschnell oder aus rein egoistischen Motiven zu kastrieren. Die Kastration des eigenen Hundes ist eine absolute Einzelfallentscheidung und kann in bestimmten Kontexten sicherlich Erleichterung bringen, wird aber in keinem Fall die Erziehung des Hundes ersetzen können - und ist schon gleich gar kein Allheilmittel für jegliche Verhaltensprobleme.


Das Thema Kastration und die eingehende Beratung dazu liegt mir sehr am Herzen, denn die richtige Entscheidung für seinen Hund kann man eben nur treffen, wenn man alle Vor- und Nachteile, Konsequenzen und Zusammenhänge kennt und versteht.


Wir beraten bezüglich einer Kastration z.B. in Form unserer Onlinecoachings.


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