Zweithund ja oder nein? Warum ich mich als Hundetrainerin gegen die Mehrhundehaltung entschieden habe
- Lisa Stiglmair

- vor 6 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Die Vorstellung ist zu schön: Zwei Hunde, die morgens gemeinsam über die Wiese toben, abends eng an eng im Körbchen kuscheln und niemals allein sind. Der Gedanke, einen Zweithund anzuschaffen, ist für viele Hundehalter:innen unglaublich reizvoll. Auch für mich war das lange Zeit eine wundervolle Vision.
Doch obwohl ich das Leben mit Hunden liebe und mein Alltag sehr hundefreundlich ist, habe ich mich ganz bewusst gegen die Mehrhundehaltung entschieden. In diesem Artikel erfährst du, warum ein zweiter Hund kein Selbstläufer ist und welche Fragen du dir stellen solltest, bevor ein neues Familienmitglied einzieht.

Der Realitätscheck: Voraussetzungen für zwei Hunde
Bevor man die emotionale Entscheidung für einen zweiten Hund fällt, müssen die Rahmenbedingungen stimmen. In meiner Beratung nenne ich das gerne den „Realitätscheck“. Denn so schön die Vorstellung auch ist, zwei Hunde verändern die Lebenslogistik massiv:
Finanzen: Tierarztkosten, Versicherungen und Futter verdoppeln sich. Besonders im Alter oder bei Krankheit kann die Mehrhundehaltung zur finanziellen Belastung werden.
Wohnraum: In München muss man ja schon froh sein, wenn man überhaupt eine schöne Wohnung findet ;P Mit einem Hund schon tricky. Mit zwei Hunden wird das nicht unbedingt einfacher.
Job & Alltag: Darf ein Hund mit ins Büro, heißt das nicht, dass zwei auch willkommen sind. Auch das Alleinbleiben muss oft mit beiden Hunden neu trainiert werden.
Betreuung: Freunde nehmen gern einen Hund in Urlaubsbetreuung. Bei zwei Hunden wird es oft komplizierter und/oder teurer.
Mehrhundehaltung bedeutet eine dritte Beziehungseben
Wenn ein zweiter Hund einzieht sprechen wir nicht mehr von einer Zweierbeziehung zwischen dir und deinem Ersthund, sondern von einem Beziehungsdreieck: Die Beziehung zwischen dir und Hund A, dir und Hund B und ganz entscheidend: die Beziehung der Hunde untereinander.
Diese zusätzliche Ebene wird bei der Anschaffung eines Zweithundes oft unterschätzt. Die Hunde:
entwickeln eine eigene Gruppendynamik (z. B. gemeinsames Jagen oder Wachen),
beeinflussen sich gegenseitig im Verhalten (unerwünschtes Verhalten wird sich gerne abgeschaut),
konkurrieren um Ressourcen wie Aufmerksamkeit, Futter, Ruheplätze...
Das kann gut funktionieren. Es kann aber auch dauerhaft Stress erzeugen.
Mein Leben und warum ein Hund gut hineinpasst, zwei aber nicht
Ich habe viele Hobbys, die sich wunderbar mit Hund verbinden lassen: Wandern, Zeit in der Natur verbringen, lange Spaziergänge oder sich gemeinsam Dinge zu erarbeiten, wie die Dummyarbeit.
Gleichzeitig mache ich aber auch gerne Dinge, die nur ohne oder bedingt mit Hund funktionieren: Gym, Reisen (insbesondere Fernreisen), Neues ausprobieren (sei es Sportarten, Food Spots, Kulturelles etc.) und dabei eine gewisse Spontanität zu behalten.
Wenn ich länger außer Haus bin, muss mein Hund gut untergebracht sein. Das ist in meinem Leben für Toni realistisch, gut organisierbar und fair lösbar. Für zwei Hunde würde es deutlich komplexer werden, organisatorisch und/oder finanziell.
Zum Zeitpunkt meiner Entscheidung wäre ich allein für zwei Hunde verantwortlich gewesen. Neben Beruf, Freundschaften und anderen Lebensbereichen hätte ich meinen Alltag also stark priorisieren müssen. Und ganz ehrlich: Irgendetwas wäre dabei hinten runtergefallen.
Braucht mein Ersthund einen Partner? Toni nicht.
Mein Hund Toni kommt gut mit anderen Hunden klar. Er ist sozial kompetent, mag Kontakt zu anderen Hunden und ist mit den meisten Hunden verträglich.
Aber: Er braucht keinen anderen Hund, um glücklich zu sein.
Toni ist eng an seine Menschen gebunden. Seine Sicherheit, seine Freude und seine Orientierung zieht er nicht aus einem „Rudel“, sondern aus der Beziehung zu uns. Toni hat sich zwar mit allen Pflegehunden, die bei uns gelebt haben, arrangiert, aber er hat es auch jedes Mal genossen, wenn diese wieder ausgezogen sind. Ein zweiter Hund wäre kein Bedürfnis von Toni gewesen, sondern meins.
Hier musste ich ehrlich zu mir sein. Einen zweiten Hund anzuschaffen, obwohl der erste ihn nicht braucht, wäre eine egoistische Entscheidung gewesen.
Wenn der Ersthund „kein einfacher Hund“ ist
Toni war kein einfacher Hund. Er brauchte viel Aufmerksamkeit, viel Training und vor allem viel emotionale Präsenz. Wer bereits einen trainingsintensiven Hund hat, sollte sich die Frage stellen: Habe ich die Kapazität, beide Tiere individuell zu fördern, ohne dass der Ersthund oder der Zweithund zu kurz kommt?
Damals war ich mir nicht sicher, ob ich einem zweiten Hund:
ausreichend Zeit
ausreichend Geduld
ausreichend Training
hätte bieten können.
Heute wäre diese Situation vielleicht eine andere. Damals war sie es nicht. Toni brauchte in dieser Zeit eben noch viel Anleitung und Unterstützung.
Realität vs. Wunschdenken: Was ich im Praxisalltag immer wieder sehe
In meiner Arbeit als Hundetrainerin sehe ich regelmäßig, wie herausfordernd Mehrhundehaltung sein kann. Und ich sage das mit größtem Respekt vor den Menschen, die mehreren Hunden wirklich gerecht werden.
Was mir besonders häufig begegnet:
sehr unterschiedliche Charaktere, die gezwungen sind, zusammenzuleben
Hunde, die sich nicht ausgesucht haben, miteinander klarzukommen, es aber müssen
Erwartungen an Harmonie, die so nie realistisch waren
Menschen wünschen sich kuschelnde Hunde, die beste Freunde sind und sich immer einig sind. Was sie oft bekommen, sind Hunde, die sich arrangieren.
Manchmal klappt das sehr gut. Manchmal mittelmäßig. Und manchmal leider gar nicht.
Mein persönliches Fazit: Ein zweiter Hund läuft nicht einfach „mit“
Verantwortung bedeutet auch, „Nein“ sagen zu können. Die Entscheidung gegen einen Zweithund war für mich eine Entscheidung für die Lebensqualität meines Ersthundes und meine eigene. Ein zweiter Hund ist kein Accessoire und kein Spielzeug für den ersten, sondern ein Individuum mit eigenen Ansprüchen. Wer die Verantwortung ernst nimmt, erkennt, dass Mehrhundehaltung Ressourcen frisst, die man erst einmal haben muss. In meinem Fall war das „Nein“ zum Zweithund ein klares „Ja“ zu einem stressfreien, fokussierten Leben mit Toni.
Spielst du mit dem Gedanken, einen zweiten Hund aufzunehmen? Gerne helfen wir dir dabei, die Situation objektiv einzuschätzen und dich auf den Neuzugang vorzubereiten.
Wir beraten bezüglich Mehrhundehaltung z.B. in Form unserer Onlinecoachings.
