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Mein Hund hat "Angst" (Teil 4) - Gründe und Ursachen

Mein (Isabell's) Hund Quelo kommt aus einem Shelter auf Sardinien. Er ist als kleiner Welpe von der Straße gerettet worden und dann im Tierheim aufgewachsen. Ich konnte ihn dort kennenlernen, bevor er zu uns kam und habe ihn als aufgeschlossenen, entspannten Knutschbären wahrgenommen. Umso überraschter war ich, als aus dem Transporter ein verunsicherter, schüchterner Bub ausstieg, der in den ersten Wochen kaum die Wohnung verlassen wollte. Und immer wieder habe ich mich gefragt, woher kommt diese Angst? Warum ist mein Hund hier in diesem Umfeld auf einmal so unsicher?



Zunächst einmal kann man Angst in drei Arten unterteilen:

  • Umweltängste: Also die Angst vor Gegenständen, Geräuschen, Gerüchen etc.

  • Sozialängste: Die Angst vor Menschen, Artgenossen oder anderen Lebewesen

  • Neophobie: Die Angst vor Neuem bzw. Unbekanntem

Vor allem wenn wir von Furcht sprechen, können wir das Ganze meist ganz klar einer Kategorie zuweisen. Beim Thema Unsicherheit oder Angst, kann es aber durchaus auch zu Mischformen bzw. Überschneidungen haben (Wie du hier unterscheiden kannst, liest du in Teil 1 der Beitragsreihe zum Thema Angst). Mein Hund zum Beispiel bringt zwar eine klare Sozialangst mit, nämlich die Angst vor Menschen, aber in den anderen Kategorien schwankt es ziemlich. Manchmal machen ihm bestimmte Gegenstände Angst, manchmal nicht. Manchmal wird er in unbekannten Situationen unsicher, teilweise wackelt er aber nicht mal mit dem Ohr, ganz individuell und abhängig von vielen Gegebenheiten.

Und woher kommen diese Ängste jetzt? Auch hier ist vieles individuell und oft treffen mehrere Gründe zu, oder die Ursachen lassen sich vielleicht gar nicht klar benennen.

Schlechte oder fehlende Sozialisierung


Eine der häufigsten Ursachen für Ängste beim Hund ist wohl die schlechte oder fehlende Sozialisierung. Von der 3. bis maximal zur 20. Lebenswoche befinden sich Hunde in der sozial sensiblen Phase. In dieser Phase begegnen Welpen neuen Reizen erstmal sehr unbedarft, nehmen die Umwelt aber auch sehr intensiv war und speichern ihre Erfahrungen sehr fest ab. Das führt dazu, dass ein Hund, der in dieser Phase auf positive Weise mit vielen Reizen konfrontiert wird, auch später gut mit seiner Umwelt klarkommt. Wenn ein Welpe hier aber nur mit wenigen oder sogar gar keinen Reizen konfrontiert wird, kann er nicht lernen, mit gegebenen Umweltreizen umzugehen und wird diese in seinem späteren Leben immer wieder neu bewerten müssen. Auch eine spätere intensive Beschäftigung mit Reizen kann diese Entwicklungsdefizite oft nur bedingt kompensieren.

Dieser Fall tritt häufig bei Hunden auf, die im (ausländischen) Tierheim aufgewachsen sind oder von Vermehrern kommen, aber auch Straßenhunde, die in sehr ländlicher Gegend gelebt haben, kennen oft nicht viel.

Traumata


Eine weitere Ursache für die Ängste unserer Hunde sind Traumata. Von einem psychischen Trauma sprechen wir, wenn ein Hund ein sehr belastendes Erlebnis hatte, das er bisher nicht verarbeiten konnte. Oft hat sich der Hund hier in einer Situation befunden, aus der er sich selbst nicht mehr befreien konnte. Beispiele hierfür wären:

  • Ein Unfall

  • Eine Beißattacke

  • Misshandlungen

  • Verlust des Zuhauses bzw. der Mutter

  • Eingefangen werden (z.B. bei Straßenhunden)

Oft gibt es dann bestimmte Triggerreize, die der Hund mit dem Erlebten in Verbindung bringt und massive Stressreaktionen hervorrufen. Ein Trauma kann per se jeder Hund erleiden. Jedoch gilt, bei Hunden, die an sich bereits anfälliger sind für Stress, zum Beispiel durch eine schlechte Sozialisierung, ist das Risiko für ein Trauma höher als bei Hunden, die gelernt haben mit verschiedensten Situationen gelassen umzugehen.

Genetik


Eine Ursache, die wohl weniger bekannt ist, ist die Genetik. Bei der Fortpflanzung werden nicht nur äußere Merkmale vererbt, sondern auch dominante Charaktermerkmale werden weitergegeben. Wenn also eines der Elterntiere sehr unsicher/scheu ist, kann es passieren, dass diese Eigenschaft an die Nachkommen weitergegeben wird. Studien haben gezeigt, dass sogar Reaktionen auf gewisse Triggerreize vererbbar sind. Hat also ein Elterntier z.B. einen Geruch oder ein Geräusch als besonders angsteinflößend abgespeichert, kann auch diese Information an die Welpen vererbt werden. Außerdem werden die Welpen bereits im Mutterleib von den Lebensumständen ihrer Mutter beeinflusst. Steht die Hündin während der Trächtigkeit unter erhöhtem Stress, zum Beispiel durch die Lebensumstände auf der Straße, schwierige Futterbeschaffung oder ähnlichem, kommt es zur Ausschüttung des Stresshormons „Cortisol“. Da dieser Hormon Plazentagängig ist, wird es auch auf die Welpen im Mutterleib übertragen und hinterlässt dort Spuren. Demzufolge kann es gut sein, dass auch die Welpen ihr ganzes Leben lang stressanfälliger sein werden.

Nicht zu vernachlässigen ist im Zusammenhang mit der Mutter aber natürlich auch das Thema Nachahmung. Zeigt die Hündin sich in verschiedenen Situationen unsicher bzw. meidet sie, wird sie dies auch ihren Welpen beibringen.

Außerdem gibt es auch rassetypische Unsicherheiten. Die meisten Rassen wurden ursprünglich mal für einen bestimmten Zweck bzw. eine bestimmte Aufgabe gezüchtet. Dabei wurden Charaktereigenschaften selektiert, die für die Arbeit des Hundes wichtig waren. Andere Eigenschaften wiederum waren hinderlich und wurden aussortiert. Wieder andere Merkmale waren schlicht nicht von Bedeutung und ihnen wurde keine große Aufmerksamkeit geschenkt. Daher gibt es sehr wohl Rassen, die sich besonders durch ihre Robustheit auszeichnen, während andere Hunde für ihre Arbeit eher sensibel und sehr feinfühlig sein müssen. Auch ein angeborenes Misstrauen gegenüber fremden Menschen ist oft der Fall, vor allem bei Rassen, die für das Bewachen bzw. den Schutz für etwas eingesetzt werden.

Erlerntes Verhalten


Und schlussendlich gibt es auch noch Ängste als erlerntes Verhalten. Wenn wir mit unserem Hund trainieren, arbeiten wir mit Konditionierung. Wir bringen unserem Hund bei, dass auf Signal „X“, Reaktion „Y“ folgen soll, dann gibt es eine Belohnung. Konditionierung funktioniert allerdings auch im negativen Sinne. Ein klassisches Beispiel hierfür ist der Stromzaun. Der Hund kommt zu nah an den Zaun und bekommt einen Stromschlag. Hat er in diesem Moment gerade die Kuh erblickt, kann es passieren, dass der Hund nun verknüpft hat, Kühe bedeuten Schmerzen und daraufhin Angst vor Kühen zeigt. Das gleiche kann auch mit Gerüchen passieren. Riecht es im Treppenhaus zum Beispiel nach Zwiebeln, während der Hund aus Versehen in der Tür eingeklemmt wird, kann es passieren, dass der Zwiebelgeruch später als Angstauslöser fungiert. Auch wir Menschen bestärken teilweise unbewusst die Ängste unserer Hunde. Wenn dein Hund zum Beispiel vor etwas erschrickt und du ihm in diesem Moment das Gefühl gibst, dass seine Angst vollkommen gerechtfertigt war, kannst du seine Angst dadurch bestärken und er wird das Verhalten beim nächsten Mal eventuell wieder oder sogar verstärkt zeigen.

Was das für dich und deinen ängstlichen/unsicheren Hund bedeutet


Nun können wir also einige Kategorien für die Gründe von Angst/Unsicherheit klar benennen und doch stehen Halter:innen oft vor einem Problem – wir Menschen bekommen einfach nicht immer alles im Leben unserer Hunde mit. Hunde riechen sehr viel intensiver, sie hören besser, nehmen die Welt anders wahr. Natürlich kann es also sein, dass der Hund seine Angst aus einer Situation entwickelt hat, die wir nicht wahrgenommen haben und uns deshalb der Auslöser gar nicht bewusst ist. Auch kann es sein, dass wir die Vorgeschichte unseres Hundes schlichtweg nicht kennen. Trotzdem kann uns das Wissen über die möglichen Hintergründe helfen, ein sehr viel besseres Verständnis für die Angst unseres Hundes zu entwickeln.


Setze dich also gerne in einem ruhigen Moment hin und versuche alle Eckpunkt zu deinem Hund durchzudenken:

  • Wann hat seine Angst angefangen?

  • Was ist dir als erstes aufgefallen?

  • Wo kommt dein Hund her bzw. was weißt du über seine ersten Lebenswochen? Wo ist er aufgewachsen und was hat er da eventuell erlebt oder eben nicht erlebt?

  • Ist das Verhalten von jetzt auf gleich aufgetreten, hat es sich schleichend entwickelt, oder hast du deinen Hund bereits so kennengelernt?

Diese Fragen und viele weitere besprechen wir mit Kund:innen auch in unseren Erstgesprächen. Denn sie helfen uns, ein klareres Bild zu zeichnen und so einen idealen Ausgangspunkt für das gemeinsame Training mit dem individuellen Mensch-Hund Team zu schaffen.


Falls du Teil 1, 2 und 3 der Beitragsreihe verpasst hast, findest du diese hier:

Teil 1: Mein Hund hat "Angst" - Unsicherheit, Angst, Panik, Furcht oder Phobie?

Teil 2: Mein Hund hat "Angst“ - Tipps für den Alltag

Teil 3: Mein Hund hat "Angst" - Stresshormone und ihre Auswirkungen



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